Zwischen Kult und Kommunismus – Kuba und der Müll

Vermüllter Uferabschnitt nahe Havanna
Vermüllter Uferabschnitt an der Festung von Cojimar nahe Havanna (Foto: GehtSoGarNicht)

Das Positive zuerst: Kuba ist wundervoll. Subtropische Wälder und endlose Sandstrände prägen dieses Land ebenso wie belebte Städte mit teils prachtvollen Kolonialbauten. Alte amerikanische Straßenkreuzer gehören zum Stadtbild und überall gibt es Musik (und Rum). Abends wird in fast jeder Bar getanzt. Die Menschen sind gelassen, offenherzig und freundlich – das kubanische Lebensgefühl ist regelrecht ansteckend. Aber es gibt auch Ärger im Paradies und gerade der Umweltschutz wird vielerorts stark vernachlässigt.

Vermüllter Uferabschnitt nahe Havanna
Vermüllter Uferabschnitt an der Festung von Cojímar nahe Havanna (Foto: GehtSoGarNicht)

Seit ich an diesem Blog arbeite, achte ich im Urlaub auch mehr darauf, wie andere Länder mit globalen Problemen umgehen. In Kuba war die Ignoranz gegenüber Natur und Umwelt leider an vielen Stellen offensichtlich: rußende Schornsteine ohne Filter, durch Abwässer verunreinigte Flüsse und allerorts herumliegender Unrat: am Ufer, am Straßenrand, in Parks, ja sogar mitten in Naturschutzgebieten. Mal waren es nur einzelne weggeworfene Plastikflaschen, manchmal aber auch ganze Abfallberge. Besonders Havanna glich einer Müllhalde!

Mangelwirtschaft und Müllberge – wie passt das zusammen?

Im weltweiten Vergleich produziert Kuba eigentlich recht wenig Müll. Wer schon einmal einen kubanischen Supermarkt betreten hat, erkennt auch sofort den Grund dafür: Es herrscht Mangelwirtschaft! Kommunismus und Handelssperre tragen dazu bei, dass es immer wieder zu Engpässen kommt. Während in Deutschland die Regale stets gut gefüllt sind, herrscht dort teils gähnende Leere. Man muss nehmen, was man kriegen kann. Und wenn endlich eine lang ersehnte Lieferung eintrifft, sammeln sich sofort zahlreiche Menschen vor den Läden. Das Leben eines Kubaners besteht zur Hälfte aus Schlangestehen. Wer die DDR miterlebt hat, kennt das vielleicht selbst noch.

In Sachen Umwelt verursacht der Mangel aber Probleme, mit denen ich mich selbst konfrontiert sah, als ich Trinkwasser kaufen wollte. In Deutschland kann ich in gewisser Weise mitbestimmen, wie umweltbewusst ich lebe. Kaufe ich Wasser in Glas- oder Plastikflaschen, Ein- oder Mehrweg? In Kuba stand ich stattdessen nur vor der Frage: mit oder ohne Kohlensäure? Es gibt im ganzen Land scheinbar nur einen einzigen Produzenten von Trinkwasser, und der verkauft sein Produkt ausgerechnet in Einwegplastikflaschen! Dies ist nur ein Beispiel von vielen. Es ist oft unmöglich, umweltbewusst einzukaufen, weil einfach die Alternativen fehlen.

Auffällig war auch, dass an unzähligen Verkaufsständen und sogar in einigen Freiluftrestaurants Einweg an der Tagesordnung war. Sogar die Mojitos und Piña Coladas wurden in Plastikbechern ausgeschenkt. Dazu kamen Weißblechdosen, grundsätzlich nur kleine Wasserflaschen und Papierservietten, die allesamt leicht durch den Wind weggeweht werden konnten.

Ähnlich wie in Deutschland fehlt vielen Kubanern das Umweltbewusstsein und so wird der Abfall einfach auf den Boden geworfen, wenn gerade kein Papierkorb im näheren Umfeld zu finden ist, und das ist leider häufig der Fall. In Havanna habe ich in der Nähe meiner Unterkunft eine geschlagene Stunde nach einer Möglichkeit gesucht, meine Abfälle loszuwerden. Bis auf einen einzigen völlig zerstörten und unbenutzbaren Papierkorb bin ich nicht einmal an Bushaltestellen und in Parks fündig geworden. Dementsprechend verdreckt waren die Straßen in dieser ansonsten gar nicht so heruntergekommenen Gegend auch.

Natürlich steht Havanna als Hauptstadt mit rund 2,1 Mio Einwohnern vor der größten Herausforderung. 23.800 Kubikmeter Müll fallen hier täglich an. Die dafür bereitgestellten Mülltonnen reichen bei Weitem nicht aus und so bilden sich immer wieder zusätzliche Müllhalden oder die Anwohner stellen volle Säcke einfach an die Straße. Die Müllabfuhr kommt unregelmäßig und schafft nur einen Teil der riesigen Mengen. Viele Fahrzeuge sind alt und reparaturbedürftig. Doch langsam scheint eine Änderung in Sicht zu sein. Anlässlich der 500-Jahr-Feier der Stadt im November 2019 kam eine Lieferung neuer Mülltransporter und anderer Fahrzeuge aus China, Japan und Österreich. Die Abfallwirtschaft Havannas soll komplett umstrukturiert werden mit festen Abholzeiten und mehr Reparaturwerkstätten. Damit sollen Ausfälle vermieden und das Umweltbewusstsein der Bürger geweckt werden.

Kunst aus Schrott in der Callejón de Hamel in Havanna (Kuba)
Kunst in der Callejón de Hamel in Havanna
(Foto: GehtSoGarNicht)

Es gibt aber auch Leute, die aus der Not eine Tugend machen. Da in ganz Kuba die Löhne einheitlich niedrig sind, ist im Prinzip jeder darauf aus, ein paar Pesos zusätzlich zu verdienen. So gibt es Müllsammler, die Altpapier, -glas, oder Aluminiumabfälle zu einer der staatlichen Sammelstellen bringen. Abgerechnet wird nach Flaschengröße bzw. bei anderen Rohstoffen nach Gewicht. Eine andere kuriose Geschäftsidee ist die Anfertigung von Modellautos aus Getränkedosen. Diese findet man zuweilen in Souvenirshops. Dass Schrott auch echte Kunst sein kann, beweist der Maler und Bildhauer Salvador González Escalona. Im Callejón de Hamel schuf er ein knallbuntes Gesamtwerk aus Skulpturen und Malereien, das im krassen Gegensatz zum Rest Havannas steht. Von Fahrrädern bis Sanitäreinrichtungen wurde hier alles verarbeitet und zu fantasievollen Gebilden neu zusammengesetzt.

Afrikanische Götterkulte als Umweltproblem?

Der wohl gruseligste Anblick bot sich mir im Parque Almendares, einer Art Urwald mitten in Havanna. Der Boden des herrlich grünen Flusstals, das als Naherholungsgebiet für die Einwohner dienen soll, war bedeckt mit Hühnerkadavern und anderem Unrat. Es handelte sich dabei um Überreste von rituellen Zeremonien. Hierzu muss man wissen, dass in Kuba neben dem Katholizismus auch eine Mischreligion namens Santería sehr verbreitet ist, die viele Elemente aus afrikanischen Götterkulten der ehemaligen Sklaven übernommen hat, zu denen auch Opferungen von Gegenständen oder Tieren gehören.

In Kuba ist laut Verfassung Religionsfreiheit gegeben. Die Santería wird weitgehend geduldet, obwohl ihre Rituale vielen Katholiken ein Dorn im Auge sind. Noch in den 1990er-Jahren wurden die Opfer direkt in den Fluss Almendares gegeben, um sie der Flussgöttin Oshun zu überbringen. Mittlerweile wird dies unterlassen, das Prozedere spielt sich aber dennoch entlang des Ufers ab. Viele gläubige Familien pilgern an den Fluss und lassen ihre privaten Kultplätze im Glauben, dass die Göttin sich die Opfer abholen oder zumindest begutachten wird, völlig vermüllt zurück – für die Natur ein Disaster.
Da sowohl die Umwelt als auch die freie Religionsausübung schutzwürdig sind, entsteht hier ein schwieriger moralischer Konflikt. Bleibt zu hoffen, dass die kubanische Regierung in naher Zukunft einen für alle akzeptablen Kompromiss findet. Aktuell kann man positiv vermerken, dass es im Park Aufräumaktionen gibt, so wie die „Trash Challenge“ im März letzten Jahres, bei der fast 700 kg Müll eingesammelt wurden.

Tourismus – Segen und Fluch
Müll im Naturschutzgebiet
Müll im Naturschutzgebiet Cayos Machos de Fuera (Foto: GehtSoGarNicht)

Natürlich stammt nicht der gesamte Abfall von religiösen Zeremonien oder ignoranten Einheimischen. Die Öffnung des Landes für den Tourismus war Segen und Fluch gleichermaßen. Zwar werden dringend benötigte Devisen ins Land gespült, aber es entsteht leider auch gerade auf riesigen Kreuzfahrtschiffen oder in Hotelkomplexen sehr viel zusätzlicher Müll. Außerdem gibt es noch einige unvernünftige Touristen, die der Meinung sind, sich im Urlaub nicht um ihre Abfälle kümmern zu müssen. Unsere Rundreise führte uns auch auf eine winzige, abseits liegende und unbewohnte Insel, die unter Naturschutz steht und nach Aussage unserer Reiseleiterin ausschließlich von Urlaubern angesteuert wird. Bei unserem Spaziergang stießen wir an verschiedenen Stellen auf Müll, der demonstrativ auf Äste gespießt oder versteckt im Mangrovenunterholz entsorgt wurde. Die Anlegestelle, an der es Entsorgungsmöglichkeiten gab, befand sich nur wenige Gehminuten entfernt, aber das war wohl zu weit für manche Badegäste.

Es gibt aber auf Kuba aber schon diverse gute Ansätze für sanften Tourismus, wie z. B. das Gebiet um das Dorf Las Terrazas, das im Rahmen eines für die Insel einzigartigen gewaltigen Aufforstungsprojektes zu einem Naturparadies wurde. Seit 1985 ist die Sierra del Rosario ein von der UNESCO geschütztes Biosphärenreservat und bis heute wird hier auf Nachhaltigkeit geachtet. Es existiert nur ein kleineres Hotel im Dorf, ansonsten kann man in ein paar Ferienhäusern oder auf dem Campingplatz übernachten. Wanderungen ins Naturschutzgebiet sind, wie auch an einigen anderen Stellen auf Kuba, nur unter der Führung eines lokalen Guides möglich, sodass Vermüllung und auch andere Umweltfrevel weitestgehend unterbunden werden. Projekte wie dieses sind es auf alle Fälle wert, durch einen Besuch oder einen längeren Aufenthalt unterstützt zu werden.

Weiterführende Artikel

Aus den Augen, aus dem Sinn – aber nicht aus der Welt
Discover Interesting Places – externer Artikel zum Almendares-Park (englisch)
Las Terrazas: Ferienort für sanften Tourismus in Kuba – ein kleiner Reiseführer von Funkloch.de
Kuba: Bericht zur Hauptexkursion 2013 (Buch auf books.google.de)

Quellen

Cuba heute – Müllentsorgung in Havanna
Cuba heute – Neue Müllfahrzeuge für Havanna
Aventoura – Artikel zum Wiederverwerten auf Kuba
OnCubaNews – Artikel zur Aufräumaktion im Almenares-Park (englisch)

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