Fast Fashion – Der neueste Schrei, aber auch der letzte Dreck

ein riesiger Haufen weggeworfener Kleidung
Wohin mit all den Fashion Victims? (Urheber: Bicanski, Quelle: Pixnio)

Ob im Fernsehen, auf Kinoleinwänden oder im Internet: Wo immer Stars, Sternchen, Politiker, Geldadel oder sonstige echte oder Möchtegern-Promis zu sehen sind, präsentieren sie sich in den aktuell angesagtesten Looks. Designer bringen im Rekordtempo neue Kollektionen auf den Markt. Und mit aggressiver Werbung schießt man auch dem letzten Modemuffel die Schnitte und Farben der Saison ins Kleinhirn. Mode ist allgegenwärtig und dank der medialen Möglichkeiten noch wesentlich kurzlebiger als früher. Was gestern noch als der neueste Schrei galt, trägt heute kein Mensch mehr, der etwas auf sich hält. Wer dazugehören will, muss möglichst schnell mitziehen – ob mit neonfarbenen Tops, Oversized-Blazern oder brust- und bauchfreien Shirts. Ob sie Augenkrämpfe verursachen oder den Eindruck erwecken, dass dem Schneider der Stoff ausgegangen ist, ist dabei ziemlich egal.

Fast Fashion als Alternative für den kleinen Geldbeutel?

Topmodische Kleidungsstücke waren zunächst nur etwas für Gutverdiener. Die Allgemeinheit konnte sich, wenn überhaupt, nur ab und an ein solches Accessoire leisten. Stattdessen kaufte man sich aufgrund des hohen Preises eher langlebige, zeitlose Stücke, anstatt jeden noch so abstrusen Trend mitzumachen. Die immer stärkere Präsenz im Kino und Fernsehen schürte aber das allgemeine Verlangen nach der aktuellsten Mode. Gerade junge Menschen wollten ihren Idolen nacheifern und sich wie ihre Lieblingsmusiker oder -schauspieler kleiden.

Als Alternative zu teuren Modeartikeln entstand bereits in den 1960er Jahren das Konzept der „Fast Fashion“. Ziel war dabei eine möglichst schnelle und kostengünstige Produktion von Kleidungsstücken und Accessoires. Man wollte mit Mode nicht mehr nur die Oberschicht erreichen, sondern die breite Masse mit den neuesten Trends bedienen. Wer häufig neue Sachen kauft, hält schließlich den Wirtschaftsmotor am Laufen. Fast Fashion erlebt seit den 1990ern mit Marken wie Zara, H&M und Primark einen wahren Boom. Leider hat man nicht weit genug gedacht oder Probleme von Anfang an bewusst ignoriert. Für modische Schnelllebigkeit werden schamlos Rohstoffe verschwendet, Arbeitskräfte ausgebeutet und ständig wachsende Müllberge sowie Umweltschäden in Kauf genommen. Die Nachhaltigkeit bleibt zugunsten des schnellen Profits auf der Strecke. Aus heutiger Sicht eine absolute Fehlentwicklung.

Wenn Qualität zur Nebensache wird

Anstatt robuster und langlebiger Kleidung überfluten aktuell immer mehr Textilartikel von schlechter Qualität den Markt. Viele der zunächst schick aussehenden Stücke kann man nicht über viele Jahre tragen, da sie aus billigen Materialien hergestellt worden sind. Sie werden bereits mit Fehlern wie z. B. losen Knöpfen, schlecht sitzenden Nähten oder nicht korrekt vernähten Fadenenden verkauft. Dann ist schon einmal ungewollte Nacharbeit nötig, wenn man die Ware nicht direkt reklamieren und umtauschen möchte. Häufig stinkt neue Kleidung penetrant nach Chemikalien, sodass man sie fast als Chemiewaffe deklarieren könnte. Erst nach mehrmaligem Waschen ist sie ohne Nasenklammer tragbar. Da sie dabei meist anfänglich auch noch Farbe verliert, muss man sie getrennt behandeln und zusätzliches Wasser verbrauchen. Ansonsten riskiert man eine Verfärbung des anderen Waschguts.

Die drastischen Qualitätseinbußen sind zum Beispiel an Lederalternativen deutlich zu sehen. Bei der Herstellung von Kleidung, Möbeln und Accessoires verzichtet man heute vermehrt auf echtes Leder. Wegen des Tierwohls, aber auch zugunsten von Klima, Umwelt und Nachhaltigkeit ist dies eine gute Sache. Es gibt auch einige wirklich hochwertige und umweltschonende Alternativen wie z. B. Kaktusleder. Diese sind aber vergleichsweise teuer und bisher kaum in den Läden zu finden. Als Billigvariante kommt häufig sogenanntes PU-Leder zum Einsatz. Die Bezeichnung ist dabei irreführend, da es eigentlich keinerlei Lederanteile enthält. Für das typische Aussehen, die Haptik und die Wasserfestigkeit sorgt Polyurethan (ein Kunststoff, der als Bau- oder Montageschaum bekannt ist) auf einer Trägerschicht aus Stoff. PU-Lederwaren sind zwar meist billig, aber auch von geringer Qualität. Sie reißen oder brechen bei häufiger Benutzung leicht oder beginnen, an Reibungsstellen wie dem Kragen bei Lederjacken schnell abzublättern. Hinzu kommt, dass Polyurethan aus Erdöl hergestellt wird und nicht biologisch abbaubar ist. Problematisch sind außerdem die Weichmacher und andere Stoffe, die bei der Herstellung eingesetzt werden. Sie können Allergien auslösen oder sogar Krebs verursachen.

Niedrige Preise kontra Nachhaltigkeit

Gerade in Zeiten knapper Kassen versucht man, sich möglichst günstig einzukleiden. Die allgemeine Empörung über die Eröffnung der Filiale eines irischen Billigmodehändlers in unserer Stadt war deshalb schnell abgeklungen, die Demonstrationen gegen seine Praktiken vergessen. Heutzutage sind Mitbürger, die vollgepackt mit riesigen Einkaufstaschen, auf denen sein Logo prangt, keine Seltenheit mehr. Neulich konnte ich in der Bahn ungewollt ein Gespräch einer jungen Frau am Smartphone mitverfolgen. Stolz berichtete sie davon, wie viele Schnäppchen sie bei einer Aktion ergattert hatte. Es kam heraus, dass sie sich eigentlich nur ein Paar Schuhe und eine Hose zulegen wollte, die sie wirklich benötigte. Aktuelle Rabattierungen und Angebote wie 3 kaufen – 2 bezahlen hatten aber dafür gesorgt, dass sie nun mit drei Hosen, zwei Paar Schuhen und noch einem Oberteil nach Hause ging. Laut eigener Aussage hatte sie noch keine Idee, wo sie all die neuen Kleidungsstücke unterbringen sollte.

Werden all die im Kaufrausch erworbenen Sachen auch wirklich so oft genutzt, dass sich ihre Produktion gelohnt hat? Statistisch gesehen trägt man ein Kleidungsstück nur etwa sieben- bis zehnmal. Wie das obige Beispiel zeigt, landen die meisten Neuerwerbe in sowieso schon übervollen Kleiderschränken. Man nutzt sie nur selten – wenn überhaupt – und sortiert sie beim nächsten Modetrend oder spätestens in der nächsten Saison wieder aus, um Platz zu schaffen. Inzwischen wartet doch schon die nächste Sonderaktion, bei der man eine Menge sparen kann. Fast Fashion fördert die weitverbreitete Wegwerfmentalität. Kaufen, ein paar Mal tragen und dann aussortieren, so lautet das Motto. Nachhaltiger und günstiger wäre es dagegen, nicht jedem Trend nachzulaufen und trotz scheinbar unschlagbarer Preise nur das Nötige zu kaufen. Damit spart man nicht nur Geld ein, man schont auch die Umwelt und die knappen Ressourcen. Die überflüssigen Kleidungsstücke, die man sowieso kaum tragen wird, kann auch jemand anderes erwerben, der sie dann hoffentlich effektiv nutzt.

Die Schattenseiten von Billigkleidung

Kaum einer der Schnäppchenjäger scheint sich Gedanken darüber zu machen, wie die Kleidung überhaupt so günstig angeboten werden kann. Ein Großteil der Billigmarken stammt aus Asien, besonders aus Ländern wie China, Indien und Bangladesch, in denen die Arbeiter nur einen sehr geringen Lohn erhalten. Teilweise werden die Stücke sogar von Zwangsarbeitern ohne jegliche Entlohnung und unter widrigsten Bedingungen hergestellt. Der Arbeitsschutz wird dem Profit geopfert. Schlimmstes Beispiel dafür ist der Einsturz der Rana-Plaza-Textilfabrik in Bangladesch am 24. April 2013, bei dem rund 3.000 Menschen ums Leben kamen. Trotz des Verbots durch die Polizei hatten die Fabrikbetreiber die Angestellten gezwungen, ihre Arbeit in dem unsicheren Gebäude aufzunehmen.

Zur Herstellung der Billigware wird oft auf Chemikalien zurückgegriffen, von denen eine starke Gefahr für Mensch und Umwelt ausgeht. Diesen sind die Arbeiter in den Fabriken täglich über viele Stunden ausgesetzt, und das häufig ohne jegliche oder nur mit völlig unzureichender Schutzkleidung. Die Arbeiter stehen zudem unter enormem Zeitdruck, denn die neueste Mode muss pünktlich in die Läden kommen. Was dabei herauskommt, hat mit Designerkleidung nicht mehr viel zu tun. Meist handelt es sich um Imitate von schlechter Qualität, die im Grunde schon beim Kauf für die Tonne sind. Das schicke Kleid, das J-Lo auf dem roten Teppich trug, sieht schon beim ersten Anprobieren nicht wie das Original aus. Spätestens nach ein paar Wäschen ist es dann gar nicht mehr ansehnlich und ähnelt eher einem Kartoffelsack.

Das ist nicht nur für den Kunden ärgerlich. In vielen Fällen handelt es sich dabei um dreiste Plagiate und damit um den Diebstahl geistigen Eigentums – sehr zum Ärger der Designer. Solche Marken- und Produktpiraterie ist strafbar. Leider entdeckt der Zoll von den Unmengen an gewerbsmäßig eingeführten Raubkopien aber nur einen verschwindend geringen Teil.

Unkontrolliert wachsende Müllberge und kein Ende in Sicht
ein riesiger Haufen weggeworfener Kleidung
Wohin mit all den Fashion Victims? (Urheber: Bicanski, Quelle: Pixnio)

Wir haben ein gewaltiges Müllproblem, an dem Fast Fashion wegen der geringen Nutzungsdauer einen großen Anteil hat. Svenja Schulze und Hubertus Heil waren 2023 als Mitglieder der damaligen Bundesregierung in Ghana. Dort endet ein Großteil der Textilien, die in der westlichen Welt (vor allem Deutschland) einfach weggeworfen werden. Sie sahen sich zum Beispiel den Stadtteil Jamestown der Hauptstadt Accra an, der stark unter den giftigen Lumpen zu leiden hat. Riesige Mengen an Altkleidern türmen sich dort meterhoch auf oder bedecken die Oberfläche des lokalen Flusses vollständig. Brennende Müllberge verpesten die Luft mit einem beißenden Gestank. Die Menschen, die in dieser ungesunden Umgebung leben und vielleicht sogar noch nach verwertbaren Stücken wühlen, bekommen nicht nur Hautprobleme. Auch Infektionen und Vergiftungen sind keine Seltenheit.

Ein weiteres großes Endlager für größtenteils un- oder nur selten getragene Kleidung befindet sich in der Atacama-Wüste in Chile. Das Land importiert jährlich 44 Millionen Tonnen an Altkleidern aus aller Herren Länder. Diese werden von der lokalen Bevölkerung aussortiert, gewaschen und dann weiterverkauft. Etwa 40.000 Tonnen landen jedes Jahr auf den gigantischen Müllbergen in der Wüste. Diese werden in Anlehnung an die Müllfelder im Pazifik bereits als „Great Fashion Garbage Patch“ bezeichnet. Auch an diesem lebensfeindlichen Ort stellen die Lumpen eine Gefahr für Mensch und Umwelt dar, besonders wenn Teile der Deponie gezielt angezündet werden.

Noch mehr Umweltprobleme durch Fast Fashion

Nicht nur der entstehende Müll sorgt für gewaltige Umweltprobleme. Die Textilindustrie verursacht rund 8–10 % der globalen Treibhausgase – mehr als internationaler Flug- und Schiffsverkehr zusammen. Dazu verschlingt der Rohstoffanbau gewaltige Ressourcen: Für ein einziges (!) Baumwoll-T-Shirt werden rund 2.700 Liter Wasser benötigt – so viel, wie ein Mensch in zweieinhalb Jahren trinkt. Hinzu kommt ein hoher Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln, die Böden langfristig unfruchtbar machen.

Noch schlimmer sieht es bei Kunstfasern wie beispielsweise Polyester und Polyacryl oder halbsynthetischen Fasern (Mischgewebe) aus, die in Billigkleidung besonders beliebt sind: Beim Waschen lösen sich winzige Plastikpartikel, die ins Abwasser und schließlich in die Meere gelangen. Schätzungen zufolge stammen etwa 35 % des Mikroplastiks in den Weltmeeren aus Textilien. Diese werden von Fischen aufgenommen und landen am Ende wieder auf unserem Teller. Das ist nicht nur widerlich, der menschliche Körper kann es auch nicht abbauen. Nach und nach reichert sich Plastik in unserem Inneren an, sorgt für Organveränderungen und Krankheiten. Wissenschaftler gehen davon aus, dass sogar schon Neugeborene mit Mikroplastik vorbelastet zur Welt kommen.

Das Färben, Bleichen und Imprägnieren von Textilien setzt enorme Mengen giftiger Chemikalien frei. In Ländern mit schwachen Umweltauflagen werden diese ungefiltert in Flüsse geleitet und vergiften das Trinkwasser oder zerstören ganze Ökosysteme. Der Fluss Citarum in Indonesien gilt als einer der am stärksten verschmutzten Flüsse der Welt – maßgeblich durch Textilfabriken.

All dies führt dazu, dass die Textilbranche aktuell eine der umweltschädlichsten Industrien weltweit ist. Leider tut sie zu wenig dafür, um etwas daran zu ändern. Stattdessen betreiben viele Unternehmen lieber Greenwashing und kehren Umweltsünden und Ausbeutung unter den Tisch.

Mehr S(c)hein als Sein

Obwohl die Corona-Pandemie bei diversen Modehäusern für Gewinneinbrüche gesorgt hat, machte die Billigkleidung trotzdem weiter das Rennen. Dies war die Stunde der „Ultra Fast Fashion“, denn Konzerne wie Boohoo, Temu oder Shein vertreiben ihre Waren ausschließlich online. Durch den Lockdown erfuhren sie einen regelrechten Boom. Wie der Name schon sagt, handelt es sich um ein noch extremeres Modell. Die aktuellen Trends und Kollektionen ändern sich hier teilweise wöchentlich! Anregungen gibt es im Internet zur Genüge, wo sich auf TikTok und Co. unzählige Influencer tummeln. Da die Produzenten der Kleidung zunehmend auch in Osteuropa sitzen, entfallen lange Transportwege und damit Kosten. Ansonsten ist das Prinzip gleich geblieben: Erzeugnisse mit hohem Plastikanteil, massive Umweltverschmutzung bei der Herstellung sowie Ausbeutung der Arbeitskräfte.

Ultra Fast Fashion mag auf den ersten Blick wie normale Kleidung wirken, aber man kann sie kaum noch als solche bezeichnen. Die Qualität ist dermaßen schlecht, dass sie nur eine extrem kurze Lebensdauer hat. Danach ist sie nicht nur für den Käufer nutzlos, sondern auch für die Kleiderspende nicht mehr zu gebrauchen. Produkte aus vergleichsweise kurzlebigen Kunstfasern lassen sich nämlich nur bedingt reparieren. Es ist deshalb nahezu unmöglich, sie weiterzuverkaufen oder zu recyceln. Sie landen also nach kurzer Nutzung direkt auf der Deponie und lassen die weltweiten Müllberge weiter wachsen.

Ansätze der Politik

Seit einigen Jahren gibt es eine EU-Textilstrategie, die für nachhaltige Kleidung und einen vernünftigen Rohstoffkreislauf sorgen soll. Es handelt sich hierbei aber um keine Richtlinie, die mit direkten Strafen verbunden wäre. Stattdessen setzt die EU-Kommission auf eine Kombination aus Anreizen für nachhaltige Praktiken. Außerdem soll die Stärkung der bestehenden Abfall- und Umweltgesetze dafür sorgen, dass man Unternehmen zur Rechenschaft ziehen kann, die sich nicht an die Vorgaben halten. Auf diesem Weg sollen bis 2030 Textilien (wieder) langlebiger, reparierbar, wiederverwendbar und recycelbar werden. Zusätzlich diskutiert die EU ein Verbot der Vernichtung unverkaufter Kleidung sowie verbindliche Recyclingquoten, um die Textilabfälle drastisch zu reduzieren. Man will also zu einem Zustand zurückkehren, der vor dem Aufkommen von Fast Fashion Normalität war.

Firmen sollen zudem dazu verpflichtet werden, auch bei ihren Zulieferern auf die Wahrung von Menschenrechten und Umweltstandards zu achten. Es gibt inzwischen eine entsprechende EU-Richtlinie (CSDDD = Corporate Sustainability Due Diligence Directive), die über das bereits seit 2023 bestehende deutsche Lieferkettengesetz hinausgeht. Leider wurde diese aber durch großen Lobbydruck erheblich verwässert, sodass sie dem ursprünglichen Anspruch kaum noch gerecht wird. Sie betrifft in der Fassung vom Dezember 2025 nur noch sehr große Konzerne ab 5.000 Mitarbeitern (zuvor 1.000) und mit einem Umsatz über 1,5 Milliarden Euro (zuvor 450 Millionen Euro) jährlich. Die Firmenverantwortung beschränkt sich ausschließlich auf die direkten Zulieferer. Sie wirkt nicht ausreichend in den tieferliegenden Ebenen der Lieferkette, in denen die größten Menschenrechtsverletzungen und Umweltschäden auftreten. Hinzu kommt, dass Firmen nur eine „angemessene Sorgfalt“ nachweisen, aber nicht garantieren müssen, dass es keinerlei Verstöße gibt. Zivilrechtliche Haftung ist zwar vorgesehen, aber in vielen Fällen schwierig durchzusetzen. Betroffene im Ausland müssen große rechtliche und finanzielle Hürden überwinden, um europäische Unternehmen zu verklagen.

Fazit

Billige Kleidung ist nicht gut, nicht für die Hersteller, nicht für die Umwelt und auch nicht für die eigene Gesundheit. Und den eigenen Geldbeutel schonen die Wegwerfprodukte am Ende auch nur scheinbar. An hochwertiger Kleidung hat man länger Freude und muss sie deshalb, wenn man nicht jedem Trend nachläuft, auch seltener ersetzen.

Aber fördert man mit dem Kauf teurer Kleidung automatisch auch eine nachhaltige und humanitäre Textilindustrie? Nicht unbedingt. Selbst höher bepreiste Produkte wurden unter Umständen nicht fair und mit Rücksicht auf Umwelt und Ressourcen produziert. Vielleicht will sich der Hersteller auch nur die Taschen füllen. Ein Umwelt- oder Fairnesslabel mit einem markigen Namen sagt allein ebenfalls noch nicht viel aus, denn es gibt auch viele inoffizielle oder nicht mit Auflagen versehene Zeichen. Auch Fair Wear – also von der unabhängigen Fair Wear Foundation überwachte Kleidung – kann problematisch sein, weil die Vorgaben nicht überall gleich gut umgesetzt werden. Ich informiere mich in der Regel bei siegelklarheit.de. Dort findet man eine Übersicht über die verschiedenen (Güte-)Siegel – nicht nur für den Bereich Mode – und deren Glaubwürdigkeit, Umweltfreundlichkeit und Sozialverträglichkeit.

Eine Angabe des Herkunftslandes wäre ein weiteres Indiz, das beim nachhaltigen Kleidungskauf weiterhelfen kann. Leider ist diese in der EU im Gegensatz zu vielen anderen Ländern bei Textilien nicht zwingend erforderlich. Da die Angaben freiwillig bleiben, können sie auch werbetechnisch geschönt sein. Hier muss man exakt auf die Wortwahl achten. Selbst wenn das Kleidungsstück angeblich in Europa hergestellt wurde, können große Teile der Rohstoff- und Herstellungskette in problematischen Ländern liegen. Außerdem gibt es auch in (Ost-)Europa zahlreiche Fabriken, in denen Fast Fashion zu Hungerlöhnen produziert wird, in Ländern wie Tschechien, Ungarn, Bulgarien, Rumänien, Kroatien, Serbien und Bosnien-Herzegowina. Selbst in der Ukraine und der Türkei lassen deutsche Firmen Billigkleidung herstellen, die dann unter dem Label „Made in Europe“ in den Läden landet.

Was man selbst tun kann

Die Suche nach Ethical Fashion (so nennt sich der Gegentrend) gestaltet sich aktuell jedenfalls ziemlich schwierig, da es sich immer noch um Nischenprodukte handelt. Fast Fashion dominiert die Läden und auch bei den großen Onlinehändlern findet man nahezu ausschließlich Produkte aus Asien, besonders aus China. Wenn man da nicht mehr mitmachen will, muss man sich nach spezialisierten Onlineshops oder in nachhaltigen Marken-Kollektiven umsehen.

Der nachhaltige Kleiderkauf ist trotz Digitalisierung und Unmengen an Möglichkeiten langwierig und umständlich. Man sollte viel Zeit dafür einplanen und keine Schnellschüsse riskieren, auch wenn die Rabatte noch so verlockend sind. Wir können ein Umdenken initiieren, wenn wir alle bewusster einkaufen und jeglichen Überkonsum gezielt vermeiden, also Kleidung nicht sinnlos im Schrank horten und vor allem nicht jeden modischen Trend mitmachen. Ich kaufe mir grundsätzlich erst dann neue Sachen, wenn ich sie wirklich brauche, zum Beispiel weil etwas kaputtgegangen ist. Dann suche ich mir aber auch keine topmodischen Artikel heraus, sondern eher solche, die zeitlos sind und auch in zehn Jahren noch getragen werden können. Ich würde mir niemals Kleidung zulegen, die maximal ein Jahr lang modern ist und danach nur noch Platz im Schrank verschwendet oder direkt wieder in die Altkleidertonne wandert.

Man sollte bei Mode sowieso immer im Hinterkopf behalten, dass sie nur noch in wenigen Fällen Ausdruck der Persönlichkeit der Idole ist, die sie in der Öffentlichkeit tragen. Laut einem TIME-Business-Bericht erhalten Topstars Luxusprodukte (darunter auch Modeartikel) im Wert von ca. 100.000 $ pro Jahr kostenlos (Stand 2012). Die Hersteller verlassen sich darauf, dass diese Geschenke in sozialen Medien präsentiert oder bei öffentlichen Auftritten getragen werden. Das sind Werbeausgaben, die sich heutzutage durchaus lohnen. Auch viele bekannte Influencer profitieren vom Free Gifting, so der Marketingbegriff. Dazu gibt es auch einige Promis, die Werbeverträge eingehen und gegen Bezahlung Kleidung oder Accessoires in der Zielgruppe bekanntmachen. Dabei geht es letztendlich nur ums Geld, nicht ums Gefallen der Ware. So manch ein Promi ignoriert für einen guten Deal auch moralische Bedenken oder informiert sich völlig unzureichend über den Werbepartner (wie Verona Pooth einst mit KiK).

Eine nachhaltige und günstige Variante für eine Neueinkleidung ist der Kauf von bereits getragener hochwertiger Kleidung. Die Nutzung von Second-Hand-Mode spart laut Statista jährlich 500 Pfund (ca. 0,23 t) CO₂ ein. Wer ein gebrauchtes Kleidungsstück einem neuen vorzieht, sorgt nicht nur dafür, dass weniger Müll entsteht, er schont neben seinem Geldbeutel auch Ressourcen und verringert die Umweltbelastungen, die durch die Produktion neuer Ware entstehen. Auch Kleidertauschpartys, Upcycling oder das Reparieren von Kleidung in sogenannten „Repair-Cafés“ helfen, die Lebensdauer von Textilien zu verlängern.

Weiterführende Artikel

Mülltrennung – Chaos statt Logik
Wenn die Weltmeere im Müll ertrinken…
Aus den Augen, aus dem Sinn – aber nicht aus der Welt
Siegelklarheit – Siegelverzeichnis mit Vergleichsmöglichkeiten

Quellen

Bean Spectacles – Was ist Fast Fashion?
Wikipedia – Artikel zu Fast Fashion
Greenpeace – Fast Fashion versus grüne Mode
CONSCI – Lederalternativen im Vergleich: über Kaktusleder und Co.
Wikipedia – Artikel zum Einsturz der Rana-Plaza-Textilfabrik
Fashion Changers – Copy-Cats: Von Designklau und kultureller Aneignung in der Modebranche
Utopia – Ultra Fast Fashion: Wegwerfkleidung im Stundentakt von Shein und Co.
RedaktionsNetzwerk Deutschland – „Wir versinken im Müll“: Wie Fast Fashion aus Deutschland in Ghana zur Katastrophe wird
Deutsche Bundesstiftung Umwelt – Abschlussbericht: Fast Fashion – Die Schattenseiten der Mode
BUND – Plastik erstmals im menschlichen Gehirn nachgewiesen
Web.de – Thunberg auf skandinavischem „Vogue“-Cover – Kritik an Fast Fashion
Web.de – „Kund:innen denken, ein Fairtrade-T-Shirt sei garantiert fair produziert – aber das stimmt nicht”
Wikipedia – Artikel zum Lieferkettengesetz
Wikipedia – Artikel zur Fair Wear Foundation
Yahoo!Finance – 15 Free Perks Only Celebrities Can Get (englisch)
Kolsquare – Das Einmaleins des Free Gifting für Influencer
Statista – CO₂-Reduzierung infolge der Nutzung von Secondhandmode und Pflegeänderung von Bekleidung

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